Verkehrte Welt? Dovi auf Repsol Honda und Valentino Rossi auf Ducati, in der Saison 2011 war dies Realität und der vorne liegende war dabei wesentlich erfolgreicher unterwegs als das Idol der Massen (© MotoGP).

MotoGP Jahresrückblick 2020 – die glücklose Nummer 4

Über Andrea Dovizioso und seine angeblich fiese Behandlung durch das Ducati Management wurde bereits viel Bockmist geschrieben. Merke: In der MotoGP geht es um sehr viel Geld und nicht um familiäre Emotionen. Im Mittelpunkt steht dabei alles andere, als was die Red Bullis mit ihren hanebüchenen Berichten über KTM ihren Lesern oft weismachen wollen. Der Italiener mit der Postur und den Oberarmen eines Freistilringers hatte in der Corona-Saison eigentlich nur ein einziges wirkliches Problem. Dessen Name ist Michelin und damit verbunden noch die Tatsache, dass andere Teams wie KTM bereits im Mai testen konnte, während sich Italien noch mitten im Lockdown befand. Die neuartigen Reifen des französischen Einheits-Lieferanten und die mangelnde Eingewöhnungszeit brach der Konstanz von Dovi 2020 quasi das Genick.

Das Ducati-Doppelpodium von Le Mans 2019 mit Dovi und Petrux – mit solchen Bildern im Gedächtnis hatten sich viele Beobachter gedacht, der erste Titel für die italienische Marke sei nach dem Marquez-Ausfall eine „gmahte Wiesn“ (bayerischer Ausdruck für leichtes Spiel). Doch auch viele Experten sollten sich täuschen und es wurde ein Jahr mit unzähligen Überraschungen (© MotoGP).

Unglaubliche Probleme statt Erfüllung der Favoritenrolle

Als feststand, dass Marc Marquez länger ausfallen würde, gab es einige klar auf der Hand liegenden Favoriten. Natürlich aufgrund des WM-Stands zuvorderst die beiden Yamaha Asse Quartararo und Viñales, als führende im WM-Zwischenklassement. Vor der Saison und seiner Schulter-Verletzung im Qualifying gehörte auch Alex Rins dazu und natürlich war Dovi als der dreifache Vize-Weltmeister von 2017 bis 2019 einer der meistgenannten. Doch statt Erfüllung der Favoritenrolle sah man Dovizioso und Ducati mit unglaublichen Problemen kämpfen. In der Hitze von Jerez war beim Saisonauftakt vor allem Francesco Bagnaia stark in Erscheiniung getreten. Pecco hätte definitiv im zweiten Saisonrennen in Jerez ohne seinen Motorschaden einen Podestplatz geholt. Aber die beiden und beileibe nicht nur einer der Werksfahrer hatten mit den neuen Michelins nichts als Probleme.

Ein fassungsloser Andrea Dovizioso im Kiesbett, nachdem der durch ein Zucken des vor ihm liegenden Petrucci der dahinter fahrende Zarco instinktiv die Bremse kurz berührt hatte, dabei abflog und seine Ducati auch den Italiener dabei abräumte. Der Sturz in Barcelona war ein klassischer Rennunfall, der Dovi wichtige Punkte kostete (© MotoGP).

Das Favoritensterben unter der Lupe

Oft wird mit dem Finger nur auf Andrea Dovizioso gezeigt, wenn es um verpasste Chancen in der verkürzten Corona-Saison geht. Doch im Vergleich zum Italiener gab es 2020 noch wesentlich krassere Beispiele. Allen voran die beiden vermeintlichen Yamaha Speerspitzen Quartararo und Viñales, für welche die Türe zum ersten Titel nach den ersten beiden Rennen in Jerez weit offen stand. Im Gegensatz zum ursprünglichen Mitfavoriten Alex Rins waren bei ihnen jedoch exakt dieselben Gründe dafür zuständig wie beim Routinier aus Norditalien. Sie scheiterten an den Gummis aus Frankreich und fanden genauso wie Danilo Petrucci und Dovi zusammen mit ihren Teams oft schlicht keine Lösung dafür. Daher wäre es falsch zu behaupten, Dovi allein sei an den neuen Reifen von Michelin gescheitert. Selbst KTM Piloten waren nach Saisonhalbzeit oft der Verzweiflung nahe, als deren Testvorteil ab Barcelona weg war.

MotoGP Runde 2 in Jerez de la Frontera – Maverick Viñales (Monster Energy Yamaha) und sein künftiger Teamkollege Fabio Quartararo (Petronas Yamaha SRT). Auch diese beiden Mitfavoriten um den WM-Titel scheiterten im Lauf der Saison viel zu oft (© MotoGP).

Die Saisonentwicklung von Dovi im Vergleich zu Mir

Der Blick auf diese Statistik dürfte für Andrea Dovizioso und sein Team sehr schmerzhaft sein. Belegen diese Zahlen doch eindeutig, wie nach durchaus akzeptablem Saisonauftakt immer wieder eine Stagnation eintrat. Vergleicht man mit dem Vorjahr, war bei weitem nicht das Maximum nötig, um vorne mit dabei zu sein. Doch der Fahrer und sein Team fanden meist schlicht keine Mittel, um so konkurrenzfähig wie in den Jahren davor zu sein. Allerdings waren sie damit bei weitem nicht allein.

In der dunkleren Farbe die kumulierten WM-Punkte pro Runde von Andrea Dovizioso im Vergleich mit dem Weltmeister von 2020, Joan Mir auf Suzuki. In der 6. und 7. WM-Runde war der Ducati Pilot in der verkürzten Corona-Saison zwischendurch sogar WM-Leader.

Die GP-Karriere von Andrea Dovizioso in Zahlen

Mit insgesamt 327 Grand Prix in 20 Jahren gehört der italienische Routinier zu den Dauerbrennern der Geschichte. In seinen 8 Jahren für Ducati war er nie schlechter als in seiner Debut Saison 2008 mit Rang 8 klassiert. Davor hatte er bereits 4 Jahre für Honda und eines bei Tech 3 Yamaha absolviert und dabei immer in den Top 6 abgeschlossen. Der Mann aus Forlimpopoli war bereits davor ein Muster an Beständigkeit. Nebst dem 125-er WM-Titel war er zweimal 250 cm³ Vizeweltmeister und in der MotoGP von 2017 bis 2019 gar dreimal nacheinander. Sollte er nicht mehr ins Paddock zurückkehren, wäre er mit WM-Rang 4 in seiner letzten Saison wesentlich ehrenhafter in Erinnerung bleibend, als vergleichsweise ein Freddie Spencer oder der Social Media Playboy Jorge Lorenzo.

Die Ente des Jahres – Dovi als Yamaha-Testfahrer

Der Mann aus Forlimpopoli (und nicht etwa Forli, wie oft fälschlicherweise behauptet) zwischen den Rennstrecken von Misano und Imola ist kein Fan von Journalisten. Wer mag ihm dies verdenken, wurde er in seiner Karriere bestimmt oft genug von dieser Spezies ungerecht behandelt. Es gibt viele Sportler und beileibe nicht nur im Motorsport, die davon gleich mehrere Liedchen pfeifen können. Daher wundert es nicht, wenn auch in Italien manch Sportler Ratten mehr liebt als hinterhältige und sensationsgierige Schreiberlinge. Wohl daher schlug Dovi ihnen gleich bei seinem Abgang von Ducati nochmals ein Schnippchen. Die sich oft genug selbst lobenden Leute von Red Bull Media behaupteten prompt, Dovizioso werde Yamaha-Testfahrer, als er einen Tag später offiziell ein Pausen-Jahr bekannt gab. Einmal mehr hatten sich die (verdeckt unter anderem Namen als Red Bull auftretenden) „Fiesingers“ damit bis auf die Knochen blamiert und machten sich unfreiwillig zum Gespött der Motorsportwelt.

Eine Pressekonferenz, welche in die Geschichte einging – vor dem Wochenende des Emilia Romagna Grand Prix mit dem zweiten Rennen in Misano 2020. Nebst Dovi sorgte auch Valentino Rossi für viele Lacher mit seinen 3 Eigenschaften und was davon falsch sein solle (er sei jung, reich und berühmt). Die anderen Fahrer mussten dabei raten, welches davon falsch sei (© MotoGP).

Die lustigste Pressekonferenz der Corona-Saison
Andrea Dovizioso hatte die Lacher auf seiner Seite, als er bei der Pressekonferenz zum GP der Emilia Romagna bei einem Quiz drei Dinge nennen musste, von welcher eines nicht stimmt. Er begann mit dem ersten Punkt aufzuzählen, seine größte Phobie seien Schlangen, als Zweites er sei immer pünktlich und Punkt 3, er liebe es an Pressekonferenzen zu gehen. Darauf brach unter sämtlichen anwesenden Fahrern riesiges Gelächter aus. An diesem Donnerstagabend, dem 17. September 2020 war „Desmo-Dovi“ übrigens noch WM-Leader. Der Italiener führte nach 6 von 14 Runden mit sechs Punkten Vorsprung auf Yamaha Ass Fabio Quartararo.

Ein oft ratloser Andrea Dovizioso in der Ducati Box – für nächste Saison wollte er den Kopf freihaben, nachdem er sich mit seinem Team nicht für eine Verlängerung seines Vertrags auf ein weiteres Jahr einigen konnten. Ob er dabei mit einem Auge auch auf die Situation von Repsol Honda mit ihrem dauerverletzten Aushängeschild Marc Marquez schielte, wird der Norditaliener nie verraten. Die Zukunft allein wird zeigen, ob man Dovi nochmals in der MotoGP sehen wir, oder nicht (© MotoGP).

Ein Vergleich der Bände spricht

Wer sich die WM-Statistik von 2019 genauer ansieht (siehe dazu für mehr Details in unserer History), dem fällt schnell auf, wie krass der Unterschied zum Jahr danach damals war. Im Prinzip reicht dafür eine einzige Zahl, nämlich die 140 Punkte, welche Marc Marquez nach 7 Rennen des Vorjahres totalisierte. Zu Halbzeit der verkürzten Corona-Saison lag Andrea Dovizioso nach Misano als WM-Leader bei 84 Zählern. Am Saisonende nach 14 Runden waren es als WM-Vierter deren 135! Er selbst hatte 2019 nach 14 Rennen bereits 202 Punkte auf dem Konto gehabt und Marquez lag bei bei säge und schraube exakt 300. Im Vergleich dazu schaffte es Joan Mir (Suzuki) als Weltmeister von 2020 mit deren 171 nur knapp mehr als die Hälfte wie Marquez im Vorjahr.

Ein Überholvorgang, der in der MotoGP Geschichte schrieb – Andrea Dovizioso (Ducati) setzt vor der Zielkurve in Spielberg 2019 zum Angriff auf Repsol Hondas Marc Marquez an und geht sogleich innen am Weltmeister vorbei (© MotoGP).

Provisorischer kombinierter Kalender 2021

In Kursivschrift haben wir die Events aufgeführt, an deren Durchführung wir starke Zweifel anmelden. Fehlend ist aktuell die noch völlig offene, von der Dorna angedachte 13. WorldSBK Runde, sowie Phillip Island. Als Termin kommt dafür nur das Wochenende vor oder nach dem Rennen auf dem Mandalika Circuit in Indonesien infrage. Für Phillip Island und die WSBK ist dort der Vertrag noch nicht unterzeichnet. In Rotschrift stehen die MotoGP Renntermine, welche mit einem WorldSBK Wochenende kollidieren, was zeitlich jedoch nur beim GP von San Marino eine Überschneidung bedeutet. Aufgrund der Zeitumstellung in Japan und Indonesien ist dies hingegen unkritisch.

Ersatzstrecken für die MotoGP sind Portimao (Portugal), der neue Mandalika Racetrack in Lombok (Indonesien) abhängig von der Fertigstellung und Homologation, sowie der Igora Drive Circuit in St. Petersburg (Russland).