Doug Polen vom US-Amerikanischen Fast by Ferracci Ducati Privatteam im Jahr 1991 auf Ducati 888. Für die Saison 1993 musste sein Nachfolger als zweifacher Weltmeister gesucht werden, da er nach seinem zweiten Titel 1992 in seiner Heimat blieb, um die nationale Meisterschaft zu fahren (© WorldSBK).

Das zweite Halbjahr 1993 – die 6. Saison der Superbike WM

Zum ersten Mal war das Saisonfinale nicht in Neuseeland oder Australien und dazu auch keines der beiden Länder im Kalender gestanden. Mit Mexico City kam ein wahrer Exot zum Zug und auch sonst war die Saison nicht wie in den ersten 5 Jahren. Nach der Saisonhalbzeit ging es von Anderstorp in Schweden zwei Wochen später nach Johor Bahru in Indonesien und von dort nach weiter Sugo. Die japanische Strecke war zusammen mit Hockenheim, dem Österreich-Ring und natürlich Donington Park, wo 1988 das erste Rennen überhaupt stattfand, die letzte noch verbliebene mit jährlicher Austragung. Als WM-Leader reiste Scott Russell in Johor an. Der Kawasaki Pilot führte mit 197,5 Punkten (in Österreich gab es infolge frühem Abbruch nur halbe Punkte) vor Carl Fogarty (186,5). Nachfolgend die ersten 15 nach den ersten sieben WM-Runden.

Stéphane Mertens mit seiner Honda im Jahr 1989 – der Belgier hatte damals nach Platz 4 im Vorjahr die Saison als Vize-Weltmeister abgeschlossen. Es folgten die WM-Ränge drei, vier und sieben. Seit 1991 auf Ducati unterwegs, lag er zu Saisonmitte auf dem 7. Zwischenrang (© WorldSBK).

Das erste Rennen der 8. WM-Runde in Johor Bahru

Carl Fogarty entwickelte sich nach seinem ersten Triumph im 2. Rennen von Donington 1992 in der WorldSBK bereits ein Jahr später zum Seriensieger. Im ersten Lauf gab es beinahe eine Wiederholung des Podiums vom 2. Rennen in Anderstorp zuvor. Der Engländer bezwang Russell diesmal um 3,46 Sekunden, während Fabrizio Pirovano auf den Sieger 12,15 Sekunden verlor. Der Neuseeländer Aaron Slight als Kawasaki-Teamkollege des Zweitplatzierten belegte Platz 4 vor Stéphane Mertens und Piergiorgio Bontempi. Bei insgesamt 8 Ausfällen kamen exakt 15 Fahrer im ersten Lauf von Indonesien ins Ziel.

Das Podest ein Rennen zuvor sah bereits Fogarty zuoberst und links von ihm Russell, doch daneben stand damals wie hier im Bild ersichtlich Falappa und in Johor Bahru stand rechts an seiner Stelle sein Landsmann Fabrizio Pirovano (© WorldSBK).

Der 2. Lauf von Johor Bahru
Diesmal gab es eine exakte Kopie des Podiums aus dem ersten Rennen mit Foggy auf der obersten Stufe vor Russell und Pirovano erneut auf der besten Yamaha. Dahinter sein Landsmann Bontempi auf Kawasaki, Mertens, Slight und Rob Phillis. Der australische Kawasaki Pilot war im Vorjahr noch WM-Dritter geworden, fuhr jedoch 1993 nur gerade die WM-Runde in Indonesien. Er berichtete später darüber, dass er bei seinem Vertrag für diese Saison verschaukelt worden sei. Ursprünglich hatte man ihm eine volle WM-Teilnahme versprochen, aber später wäre daraus nur ein Jahr mit Rennen in Australien, Malaysia und Indonesien geworden. Nachfolgend die Resultatliste des zweiten Rennens von Indonesien:

Die Rückkehr nach Japan für WM-Runde 9

Erneut ging es nach Sugo für die japanische WM-Runde, bevor der Tross sich wieder auf den Weg zurück nach Europa machte. Wie eine Woche zuvor in Indonesien erneut bei sonnigem Wetter und trockenen Verhältnissen. Mit dem ersten Rennen kam es zum fünften Laufsieg für Carl Fogarty in Folge. Die beiden starken Japaner Keiichi Kitagawa und Shoichi Tsukamoto (beide Kawasaki) nahmen keine Rücksicht auf die WM-Situation ihres Markenkollegen Russell, der hinter Mertens, Falappa, Slight und Pirovano nur auf Platz 7 ins Ziel kam. Zum ersten Mal führte dadurch Foggy die WM mit 246,5 Punkten an vor dem US-Amerikaner mit 239,5. Doch der Engländer sollte sich nicht lange über seine Führung freuen.

Vor dem Start in Sugo 1993, von vorne Fogarty (Ducati), Kitagawa, Russell, Slight und Tsukamogo (alle Kawasaki). Fünf Fahrer in einer Startreihe wären heutzutage natürlich undenkbar, doch in den 1990-ern war dies noch völlig normal. Immerhin waren davor bereits die noch früher jeweils üblichen Schiebestarts abgeschafft worden (© WorldSBK).

Das zweite Rennen von Sugo
Im zweiten Lauf ging es für den frisch gebackenen WM-Leader gehörig daneben. Foggy hatte im 6. Umlauf mit 1:32,587 die schnellste Runde des Rennens hingelegt, bevor er einen Umgang nach Stéphane Mertens abflog. Dem Belgier hatten 6 Runden bis ins Ziel gefehlt und auch Falappa legte sich 3 Umläufe vor dem Ziel noch hin. Der Sieg ging an Scott Russell vor Kitagawa und Tsukamoto, womit der US-Amerikaner wieder die WM-Führung zurückeroberte. Sein Teamkollege Aaron Slight wurde vierter vor Pirovano und Toshiyuki Arakaki (Ducati). Ein Japaner auf dem italienischen Fabrikat aus dem Land von Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha war bestimmt auch damals eine exotische Erscheinung.

Scott Russell (Kawasaki ZXR-750) – der US-Amerikaner hatte nach dem 1. Lauf in Sugo kurz die WM-Führung an Carl Fogarty verloren gehabt. Doch durch dessen Sturz und Scotts Sieg im 2. Rennen reiste das Kawasaki Ass als WM-Leader aus Japan ab (© WorldSBK).

Zurück in Europa – WM-Runde 10 in Assen

Für 5 niederländische Gulden erhielt man damals das Programmheft für das WorldSBK-Event auf einer der traditionsreichsten Rennstrecken von Europa. Der Kurs hatte vor seinem Umbau im Jahr 2006 noch ein deutlich anderes Layout. Heute existiert nach der Start-Ziel-Gerade und der sogenannten Haarbocht, welche nur noch einen Winkel von nur noch rund 80 Grad hat, anschliessend noch eine Schlaufe bevor es auf die Gegengerade geht.

In der Cathedral of Speed, wie die Strecke in den Niederlanden auch genannt wird, kam wieder die Stunde des Engländers. Mit einem Doppelsieg konnte Foggy wieder etwas aufholen, doch weil Russell zweimal zweiter wurde, verteidigte der Kawasaki Pilot die WM-Führung. Im ersten Lauf wurde Slight Dritter vor Mertens und Jamie Whitham (Yamaha).

Das Podium mit von links Scott Russell (Kawasaki, P2), Sieger Carl Fogarty (Ducati) und dem dritten Aaron Slight (Kawasaki).

Beim zweiten Rennen stand der Belgier nach P3 auf dem Podest und der Neuseeländer wurde hinter Pirovano und Whitham Rang 6. Ganze 7 Punkte trennten die beiden Streithähne Russell und Fogarty an der Spitze, womit beim drittletzten Event der Saison in Monza für ausreichend Spannung gesorgt war.

Ein nachdenklicher Foggy – der Brite hatte im 2. Rennen von Sugo mit einem Sturz die Verteidigung der WM-Führung vor der Rückkehr nach Europa verspielt. Mit seinem Doppelsieg in Assen konnte der Ducati Pilot jedoch wieder aufschließen, und lag vor Monza nur noch 7 Punkte hinter WM-Leader Russell (© WorldSBK).

WM-Runde 11 in Monza

Zum ersten Mal seit der 5. Runde in Spielberg gewann im ersten Rennen weder Fogarty noch Russell. Auf dem 5,8 km langen Traditionskurs war es zum ersten Mal in dieser Saison Aaron Slight, der bei Regen vor Russell, Pirovano und Fogarty ins Ziel kam. Sechster wurde der US-Amerikaner Tripp Nobles (Honda) vor dem Schweden Christer Lindholm und dem Portugiesen Alex Vieira (beide Yamaha). Unzählige Fahrer waren gestürzt, darunter Bontempi, Mertens, Falappa, Whitham und der frühere 500 cm³ Pilot Virginio Ferrari (Ducati).

Alex Vieira (Yamaha FZR-750R) – der Portugiese vermochte in der Saison 1993 mehrmals in die Punkteränge zu fahren und holte sich mit Platz 7 in Monza sein mit Abstand bestes Resultat in diesem Jahr (© WorldSBK).

Der 2. Lauf in Monza
Beim zweiten Rennen gab es eine äusserst knappe Entscheidung um den Sieg. Am Ende war es bei nassen Verhältnissen mal wieder Giancarlo Falappa, der die Nase vorne hatte. Der Haudegen entschied Lauf 2 vor Slight, Pirovano und Fogarty für sich. Russell traf mit 18,161 Sekunden Rückstand auf den Sieger auf Platz 5 ein. Dahinter folgten Mauro Lucchiari, Stéphane Mertens, Piergiorgio Bontempi und Christer Lindholm. Der Kampf um den WM-Titel blieb weiterhin spannend und die beiden Spitzenleute trennten nach wie vor weniger als 10 Punkte. Leader blieb Russell mit 321,5 Punkten vor Foggy mit 312,5 und Slight (258). Da die für Mexico City geplante 14. WM-Runde abgesagt wurde, kamen nur noch diese drei Fahrer für den Titel infrage, weil ab nun nur noch 80 Punkte zu vergeben waren. Pirovano als WM-Vierter mit 232 Punkten hatte damit auch theoretisch keine Chance mehr, in seinem 6. Jahr Champion zu werden.

Fabrizio Pirovano (Yamaha) – 1990 und 1992 Doppelsieger in Monza und im Regen auch in der Saison 1993 wieder mit zwei dritten Plätzen auf dem Podium. Der Heimatort des Italieners lag direkt an der Strecke, womit der Jubel der einheimischen Zuschauer bei seinen Erfolgen grenzenlos war (© WorldSBK). 

Vorletzte Runde in Donington

Scott Russell betonte in Interviews nach der vorentscheidenden WM-Runde in Donington Park, dass es ihm besonders viel Genugtuung bereitet hätte, Carl Fogarty bei seinem Heimrennen schlagen zu können. Doch es war kein leichtes Stück Arbeit, die der US-Amerikaner damit zu bewältigen hatte. Im ersten Rennen trennten die beiden Streithähne am Ende nur 0,65 Sekunden. Mit etwas über 4 Sekunden Rückstand auf den Teamkollegen und Sieger Russell belegte Aaron Slight Platz 3 vor Pirovano, Bontempi und dem Engländer Brian Morrison auf Kawasaki. Der Österreicher Andy Meklau (Ducati) beeindruckte mit Rang 7 vor Andreas Hofmann (Schweiz, Kawasaki) und Christer Lindholm auf der zweitbesten Yamaha. Der Nord-Ire Jeremy McWilliams komplettierte auf einer Ducati die Top Ten.

Das 2. Rennen in Donington Park
Der US-Amerikaner fuhr förmlich wie um sein Leben. Er wusste dabei um den psychischen Vorteil für ihn, sofern es ihm gelang, seinen Kontrahenten in seinem Heimrennen zu schlagen. Nachdem es Scott Russell bereits im ersten Lauf gelungen war, verfolgte er natürlich auch im zweiten die Strategie „alles oder nichts“. So auch Carl Fogarty, doch dabei übertrieb es der aus Blackburn, rund 25 Meilen (ca. 40 km) nordwestlich von Manchester stammende Engländer in der 7. Runde und flog ab. Davon unbeeindruckt fuhr Russell weiter, als sei der Teufel hinter ihm her.

Russell mit dem Doppelsieg
Mit nur gerade 0,68 Sekunden Vorsprung auf Aaron Slight entschied er auch das zweite Rennen für sich und baute damit seine WM-Führung vor dem Finale in Portugal deutlich aus. Nur gerade zweieinhalb Sekunden hinter dem Sieger kreuzte Jamie Whitham (Yamaha) vor seinem englischen Landsmann Niall Mackenzie auf der besten Ducati die Ziellinie. Falappa wurde vor Pirovano und Meklau fünfter. Nachfolgend die Resultatliste des zweiten Rennens von Donington:

Scott Russell (Kawasaki) in seinem wichtigsten Rennen der Saison 1993 – im 2. Lauf von Donington vor Slight, Whitham und Mackenzie. Sein Herausforderer um den WM-Titel in der Person von Carl Fogarty war zu diesem Zeitpunkt bereits gestürzt (© WorldSBK).

Die letzte Runde in Estoril

Eigentlich war laut Kalender Mexico City danach als WM-Finale vorgesehen, aber dieses Event wurde frühzeitig abgesagt. Somit war Estoril für Foggy die letzte Chance, sich und für Ducati doch noch den Titel zu holen. Doch aus eigener Kraft konnte er dies mit bereits 32 Punkten auf Russell nicht mehr schaffen. Ein siebter Platz für den US-Amerikaner würde reichen, um als Nachfolger seines beliebten Landsmanns Doug Polen (Ducati) als Weltmeister festzustehen. Umgekehrt musste der Engländer beide Rennen gewinnen, während Russell dabei zusammen nicht mehr als 8 Zähler holen durfte. Es hatte am Sonntagmorgen noch geregnet, doch mittlerweile schien die Sonne und die Strecke war noch feucht, begann aber wieder abzutrocknen. Einige rutschige Stellen hatte es jedoch noch und es war daher höchste Vorsicht geboten.

Start zum alles entscheidenden Finale auf dem Circuito do Estoril in Portugal, mit der Nummer 11 WM-Leader Russell auf der Kawasaki und Carl Fogarty (Ducati) mit Nr. 4 (© WorldSBK).

Die Entscheidung um den WM-Titel in Lauf 1

Es sollte nur drei Runden dauern, bis der Kampf um den Weltmeistertitel entschieden war. Carl Fogarty sorgte mit seinem Sturz auf Platz 6 liegend gleich selbst dafür. Nach dem Start hatte zuerst Piergiorgio Bontempi vor Aaron Slight, Scott Russell und dem Engländer geführt. Kurz danach arbeitete sich Giancarlo Falappa an Foggy vorbei und überholte in der zweiten Runde auch den WM-Leader. Im dritten Umlauf führte der italienische Draufgänger bereits vor Bontempi, Pirovano und Russell, als plötzlich der mittlerweile auf Platz 6 zurückgefallene Fogarty fehlte. Damit war die WM bereits entschieden und dass der US-Amerikaner in der 8. Runde mit Kupplungs-Schaden an seiner Kawasaki aufgeben musste, spielte keine Rolle mehr. Am Ende siegte im 1. Lauf Pirovano vor Bontempi, Slight und Falappa.

Scott Russell (Kawasaki ZXR-750) der erste Weltmeister für Kawasaki und es sollte sehr lange dauern, bis zuerst ein Engländer und danach ein Nord-Ire in seine Fußstapfen trat (© WorldSBK).
Fabrizio Pirovano (Yamaha FZR-750R) – der Italiener gewann mit dem ersten Lauf in Estoril das erste und einzige Rennen der Saison. Zum sechsten Mal seit dem Bestehen der WSBK wurde der Norditaliener 1993 bester Yamaha Pilot und war dabei nie schlechter als auf Rang 5 klassiert. Im ersten Jahr 1988 und 1999 nochmals war er Vize-Weltmeister geworden (© WorldSBK).

Der zweite Lauf von Estoril
Fogarty fuhr in der 8. die schnellste Runde und gewann mit 8,913 Sekunden vor dem neuen Weltmeister. Diesem hatten 5 Siege für seinen WM-Titel gereicht, während dem Engländer trotz deren 11 am Ende nur die Vize-Weltmeisterschaft blieb. Russells Muzzy Kawasaki Teamkollege Aaron Slight reichte ein Sieg für WM-Rang drei, während Giancarlo Falappa 5 Mal triumphiert hatte und trotzdem am Ende nur WM-Fünfter hinter Fabrizio Pirovano wurde. Nachfolgend das Resultatblatt des 2. Rennens:

Das Podium nach dem 1. Rennen von Estoril, von links Piergiorgio Bontempi (P2, Kawasaki), Sieger Fabrizio Pirovano (Yamaha) und Aaron Slight auf Kawasaki mit P3 (© WorldSBK).

Rangliste der Superbike WM 1993 – P1 bis 40

Die 3 Fahrer mit den meisten Siegen der Saison. Von links Weltmeister Scott Russell (Kawasaki, 5 Siege),,Giancarlo Falappa (Ducati, 7) und Carl Fogarty (Ducati, 11). Der Titel ging an den Fahrer mit der höchsten Konstanz (© WorldSBK).

Rang 41 bis 75

Hersteller-WM 1993

Die beiden Titelrivalen von 1993: Links Carl Fogarty (Ducati) und ihn packend der Spaßvogel und erste Weltmeister für Kawasaki, Scott Russell. Den Italiener blieb in diesem Jahr nur der Gewinn der Hersteller-Wertung (© WorldSBK).

Für 1994 siehe: http://www.motoracers.eu/wsbk-story-teil-13/